Risikomanagement wird auch für Milchviehbetriebe unverzichtbar
BERLIN. Stark schwankende Milchauszahlungspreise machen ein durchdachtes Risikomanagement in Zukunft auch für Milchbauern unverzichtbar. Das wurde deutlich beim diesjährigen Milchforum, das - eingebettet in den vom Verband der Deutschen Milchwirtschaft (VDM) ausgerichteten Weltmilchgipfel - Ende September in Berlin stattfand. Dr. Henning B r a n d - S a ß e n von der Landwirtschaftlichen Rentenbank wies darauf hin, dass der Bedarf an Instrumenten zur Risikoüberwälzung mit steigendem Fremdkapitalanteil der Betriebe und der voranschreitenden Marktliberalisierung erheblich zugenommen hat. „Spätestens bei Wegfall der Milchquote sind neue Lieferbeziehungen zwischen Landwirt und Molkerei nötig“, betonte Brand-Saßen, der bei der Frankfurter Förderbank als Referent für das Agribusiness zuständig ist. Der „Werkzeugkasten“ der Milchviehbetriebe sei in Sachen Risikomanagement längst nicht so gut bestückt wie der von Ackerbauern oder Schweinemästern, stellte der Banker fest. Anders als Marktfruchtbetrieben stünden den Milchbauern in Deutschland bisher keine Instrumente zur Risikoüberwälzung wie Warenterminbörsen oder Versicherungen zur Verfügung. Umso wichtiger seien Maßnahmen zur Risikovorsorge, darunter die Optimierung der Produktionstechnik, die Inanspruchnahme externer Beratung, kontinuierliche Weiterbildung, die Schaffung von Liquiditätspolstern oder ein leistungsfähiges Controlling. Aber auch das Besetzen von Nischenmärkten sowie die Risikostreuung - beispielsweise durch den Bau einer Biogasanlage – seien erfolgversprechende Maßnahmen der Risikoprophylaxe.
Komplizierte Preisbildung bei der Milch
Phil P l o u r d vom US-Brokerhaus Blimling and Associates berichtete in Berlin über Erfahrungen mit dem Einsatz von börsengehandelten Milchkontrakten in den Vereinigten Staaten. In seinem Heimatstaat Wisconsin - bekannt als Amerikas „Dairyland“ - nutzten je nach Marktlage 10 % bis 20 % der Milcherzeuger Vorkontrakte oder börsengestützte Futures und Optionen zur Preisabsicherung. „Es könnten mehr sein“, so Plourd. Die Absicherung werde aber durch die komplizierte Preisbildung am US-Milchmarkt erschwert. Dagegen sei die Preisabsicherung der Mais- oder Weizenernte schon „auf dem Halm“ für die meisten Ackerbauern eine Standardmaßnahme, um kostendeckende Erlöse zu fixieren, berichtete der Risikomanager. Mit einer strategischen Preisabsicherung erwische man zwar nur selten den höchsten Preis; dies sei aber auch gar nicht beabsichtigt. Eine auf den Einzelbetrieb maßgeschneiderte Absicherungsstrategie verfolge vielmehr das Ziel, Preisschwankungen im Zeitablauf zu glätten und so ein berechenbares Einkommen zu erzielen.
Preisausschläge werden größer
Seine Kunden, so Plourd vor rund 500 Fachbesuchern beim Milchforum, hätten Milch zur Lieferung im Oktober 2009 vor einem Jahr für umgerechnet 0,30 Euro pro Kilogramm vorverkauft - aus heutiger Sicht ein ausgezeichneter Preis. Bei stark schwankenden Preisen sei es auch Experten nicht möglich, „den Markt zu schlagen“, räumte Plourd ein. Langfristig mache es deshalb bei den betrieblichen Gewinnen keinen Unterschied, ob eine Preisabsicherung vorgenommen werde oder nicht. Der Hedger reduziere sein Preisband aber auf einen deutlich engeren Bereich, so dass ruinöse Ausschläge nach unten abgepuffert würden. Der Broker geht davon aus, dass der aktuelle Preisrutsch am Milchmarkt nur einen Vorgeschmack darauf gegeben hat, auf was sich die Milcherzeuger bei der Vermarktung in Zukunft einstellen müssen. „Die Ausschläge nach oben und unten werden noch größer“, sagte Plourd voraus.
„Grundrauschen“ aus der Branche notwendig
Dr. Carsten B e c k e r vom Risiko-Management Dienstleister Agorum-X räumte einem auf die Marktverhältnisse in Deutschland zugeschnittenen Milchkontrakt gute Chancen ein. Einen Bedarf an Preisabsicherungsinstrumenten hätten angesichts volatiler Milchpreise nicht nur die Milcherzeuger. Mit steigenden Preisrisiken seien auch die Molkereien und - am Ende der Wertschöpfungskette - die Lebensmittelindustrie konfrontiert, für die Milcherzeugnisse wichtige Rohstoffe darstellten, erläuterte Becker, der unter anderem die Frankfurter Terminbörse Eurex berät, die kürzlich die Agrarfutures von der Risk Management Exchange (RMX) übernommen hat. Ein börsennotierter Kontrakt auf Verarbeitungsmilch oder Leitprodukte wie Butter und Magermilchpulver könne aber nur funktionieren, wenn aus der Milchwirtschaft selbst eine gewisse Umsatztätigkeit zu erwarten sei. Erst wenn ein gewisses „Grundrauschen“ vorhanden sei, werde ein solcher Kontrakt auch für spekulativ orientierte Investoren interessant, die an Kursschwankungen bei der Milch Geld verdienen wollten. AgE
(08.10.2009)
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