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Schwierige Koalitionsverhandlungen im Agrarbereich

BERLIN. Schwierige Gespräche erwarten die Fachpolitiker von Union und FDP für die anstehenden Koalitionsverhandlungen im Agrarbereich. Dies betrifft zum einen Bereiche wie die Nutzung der Grünen Gentechnik und die Milchpolitik, die zwar kaum zwischen CDU und FDP, sehr wohl jedoch zwischen CDU und FDP auf der einen sowie der CSU auf der anderen Seite strittig sind. Zum andern gibt es eine Reihe von Themen, über die zwischen den Agrariern aller drei Parteien rasch Einvernehmen zu erzielen sind, die jedoch Geld kosten und gegenüber den Haushältern durchgesetzt werden müssen. Übereinstimmend bezeichneten der agrarpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, Peter B l e s e r , und FDP-Kollege Hans-Michael G o l d m a n n eine Entlastung beim Agrardiesel als wichtiges Ziel der anstehenden Gespräche. Zumindest müsse es darum gehen, die unlängst für zwei Jahre beschlossenen Erleichterungen dauerhaft festzuschreiben. Auch eine steuerliche Risikoausgleichsrücklage für die Landwirtschaft steht bei beiden auf der Agenda. Bleser nannte zudem die Sicherung einer wirksamen Absatzförderung im In- und Ausland mit einer angemessenen Mittelbereitstellung als wichtiges Verhandlungsziel. Damit dürfte Goldmann ebensowenig Probleme haben wie mit einer Anpassung des Kartellrechts, um die Position der Anbieterseite gegenüber dem Lebensmittelhandel zu stärken. Beide wollen schließlich ein starkes Agrarressort erhalten. Bleser bekräftigte seine Forderung, das Ministerium mit zusätzlichen Kompetenzen im Bereich der ländlichen Entwicklung auszustatten. Auch der Deutsche Bauernverband (DBV) hat sich im Vorfeld der Koalitionsverhandlungen für ein starkes Landwirtschaftsministerium ausgesprochen.

Umwelt, Landwirtschaft, Verbraucherschutz
Neben der großen Koalitionsrunde, der insgesamt rund 30 Vertreter von CDU, CSU und FDP angehören, sieht der Fahrplan für die Gespräche zur Bildung einer schwarz-gelben Regierungskoalition die Einrichtung von zehn Arbeitsgruppen vor. Landwirtschaft soll dabei in einer Arbeitsgruppe zusammen mit Umwelt und Verbraucherschutz verhandelt werden. Die Arbeitsgruppe setzt sich aus neun Mitgliedern zusammen. Dazu zählen in dem Fall die beiden bisherigen Vorsitzenden der zuständigen Fraktionsarbeitsgruppen, neben Bleser die Umweltexpertin Marie-Luise D ö t t . Von Länderseite könnte die baden-württembergische Umweltministerin Tanja G ö n n e r hinzukommen. Die CSU wird neben Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse A i g n e r voraussichtlich ihren Staatssekretär Dr. Gerd M ü l l e r und den bayerischen Umweltminister Markus S ö d e r ins Rennen schicken. Bei der FDP ist Agrarsprecher Hans-Michael G o l d m a n n gesetzt. Von besonderem Interesse ist neben der Arbeitsgruppe „Steuern, Finanzen, Haushalt“ die zum Themengebiet „Wirtschaft, Aufbau Ost, Energie“. Hier dürfte neben der Atompolitik die FDP-Forderung nach einer Reduzierung der Fördersätze im Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) eine wichtige Rolle spielen. Für die große Koalitionsrunde sind bislang vier Termine vorgesehen, der letzte am 16. Oktober. Ist man sich bis dahin einig, sollen die Ergebnisse den Bundestagsfraktionen am 20. Oktober präsentiert werden. Die konstituierende Sitzung des Bundestages ist für den 27. Oktober anberaumt. Spätestens am 9. November, so die Ansage von Bundeskanzlerin Dr. Angela M e r k e l , soll die neue Regierung stehen.

FDP sieht Unklarheit bei der Union
„Als FDP wollen wir die agrarpolitischen Rahmenbedingungen für die Land-, Forst- und Ernährungswirtschaft in Deutschland verbessern“, erklärte Goldmann gegenüber dem Presse- und Informationsdienst AGRA-EUROPE. Neben einer dauerhaften Senkung von Steuern wie beim Agrardiesel zähle dazu ein Abbau von Bürokratie und Wettbewerbsverzerrungen. Goldmann sieht in diesen Fragen viele Gemeinsamkeiten mit der Union, „so dass wir gute Ergebnisse für den Agrarstandort Deutschland erwarten“. Spannend würden jedoch zunächst die Diskussionen gerade zwischen CDU und CSU zur Milch- und Biotechnologiepolitik. Für den FDP-Politiker ist noch nicht absehbar, „wo hier die agrarpolitische Reise in der Union hingeht“. Die FDP habe in diesen Punkten „klare agrarpolitische Positionen, mit denen wir in die anstehenden Koalitionsverhandlungen gehen werden.“

Keine falschen Signale
Bereits in ihrem Wahlprogramm hatten sich CDU und CSU lediglich auf allgemeine Formulierungen insbesondere in der Milchpolitik verständigen und ihre Meinungsunterschiede nur mühsam kaschieren können. In seinen Reaktionen auf das schlechte Wahlergebnis der CSU verwies Parteichef Horst S e e h o f e r nun auf den Unmut gerade der Milchbauern, für die man dringend etwas tun müsse. In ihrem Wahlprogramm hatte sich die CSU für eine „preisstabilisierende Milchmengesteuerung“ ausgesprochen. Bleser warnte unterdessen davor, erneut eine Quotendiskussion zu führen. „Die Frage des Quotenausstiegs im Jahr 2015 ist entschieden“, betonte der CDU-Politiker. Hier dürfe die Koalition keine falschen Signale setzen. Die FDP hatte der CSU im Wahlkampf genau das wiederholt vorgehalten und ihren Landwirtschaftsministern ein „völliges Versagen in der Milchpolitik“ vorgeworfen. Man darf gespannt sein, wie die künftigen Koalitionäre hier die Kuh vom Eis bekommen.

Unterschiede zwischen Staatsregierung und Landesgruppe
Dies gilt auch für die Haltung zur Grünen Gentechnik. Erklärtes Ziel der CSU in Bayern ist es, den Freistaat zur gentechnikfreien Zone zu machen und die für eine verbindliche Festlegung notwendigen rechtlichen Voraussetzungen auf europäischer Ebene zu schaffen. Allerdings gibt es dazu vor allem innerhalb der CSU-Landesgruppe abweichende Meinungen, beispielsweise von Dr. Max L e h m e r . Deutlich offener steht die CDU dem Anbau gentechnisch veränderter Pflanzen gegenüber, verweist allerdings auf die vorhandenen Widerstände innerhalb der Bevölkerung. Bleser hat daher bereits angekündigt, das gemeinsam mit der SPD novellierte Gentechnikrecht nicht erneut anfassen zu wollen. Das wiederum dürfte nicht im Sinne der FDP sein, deren Expertin Dr. Christel H a p p a c h - K a s a n vehement eine Änderung des „Gentechnikverhinderungsgesetzes“ fordert. Unterm Strich könnte ein Formulierung in der Koalitionsvereinbarung stehen, die mehr als in der Vergangenheit die Chancen der Grünen Gentechnik hervorhebt, es ansonsten aber weitgehend bei den bestehenden Regelungen belässt.

Agrarstandort stärken
Nach den Worten von DBV-Präsident Gerd S o n n l e i t n e r bietet der Ausgang der Bundestagswahl die Chance auf eine „Politik der Vernunft, der Verlässlichkeit und des Vertrauens für die deutschen Bauernfamilien“. Sonnleitner erinnerte an den Forderungskatalog des DBV zur Bundestagswahl, der darauf gerichtet sei, „noch mehr Schwung, weniger Bürokratie und faire Wettbewerbs- und Marktbedingungen im Rahmen gelebter sozialer Marktwirtschaft in die Land-, Agrar- und Ernährungsbranche zu bringen“. Nunmehr erwarte man, mit der künftigen Regierungskoalition von CDU/CSU und FDP zahlreiche übereinstimmende Punkte zu finden und diese rasch umzusetzen. Ziel müsse es sein, Deutschland als guten Agrarstandort zu stärken, eine wettbewerbsfähige Landwirtschaft mit Nachhaltigkeit und generationenübergreifender Bewirtschaftung zu verbinden und damit einen wichtigen Beitrag zur Überwindung der wirtschaftlichen Krise zu leisten. Die extrem schwierige Situation der Milchbauern, aber auch der Ackerbaubetriebe sowie der Obst- und Gemüsebaubetriebe mache Hilfeleistungen und politische Weichenstellungen auf europäischer Ebene dringend erforderlich.

FDP bei den Landwirten deutlich zugelegt
Die hohen Qualitätsstandards in Tier-, Natur-, Umwelt- und Verbraucherschutz müssten mit einem soliden und verlässlichen Direktausgleich in der anstehenden Reform der Gemeinsamen Agrarpolitik abgesichert werden, forderte der Bauernverband. Gerade in der nationalen Steuer- und Sozialpolitik erwarte man nachhaltige Entlastungen für die Bauernfamilien. Der DBV untermauerte seine hohen Erwartungen an die künftige Koalition mit einem Hinweis auf das Wahlergebnis. Laut Auswertungen der Forschungsgruppe Wahlen haben 72 % der Landwirte bei der Bundestagswahl schwarz-gelb gewählt. Danach hat die Union bei den Landwirten zwar 7 Prozentpunkte gegenüber 2005 verloren. Mit einem Anteil von 57 % lagen CDU und CSU bei den Landwirten dennoch klar vorn. Die FDP legte bei den Landwirten um 6 Prozentpunkte auf 15 % zu. Die SPD fand laut Angaben der Forschungsgruppe Wahlen bei 13 %, die Grünen bei 3 % sowie die Linkspartei bei 9 % der Landwirte Unterstützung. Unterdessen werteten die im Unternehmen Milch zusammengeschlossenen Milcherzeuger das sehr gute Abschneiden der FDP in ländlichen Regionen Bayerns bei der Bundestagswahl als Quittung für eine „rückwärtsgerichtete bayerische Milchpolitik“.

Wahlversprechen einlösen
Der Präsident des Badischen Landwirtschaftlichen Hauptverbandes (BLHV), Werner R ä p p l e , forderte von Union und FDP die rasche Einlösung ihrer Wahlversprechen an die Land- und Forstwirtschaft. Dringend nötig sei, in den Koalitionsvereinbarungen ein klares und unmissverständliches Bekenntnis der neuen Bundesregierung zu einer nachhaltigen und multifunktionalen bäuerlichen Landwirtschaft, so Räpple in einer Presseverlautbarung. Das europäische Agrarmodell müsse endlich durch wirksame und verlässliche Leitplanken auf EU- und Bundesebene eingelöst und abgesichert werden. Der BLHV fordere von der neuen Bundesregierung ein entschiedenes Auftreten in Brüssel für eine für bäuerliche Betriebe wirksame Flankierung des mit der Agrarreform eingeleiteten Systemwechsels. Dabei erinnerte Räpple an die langjährige Verbandsforderung nach einer verbesserten, verwaltungseinfachen Ausgleichszulage sowie einen tiergebundenen Zuschlag zur Sicherung der Landwirtschaft in Mittelgebirgslagen. Kernforderungen des BLHV-Präsidenten an die nationale Landwirtschaftspolitik sind die Einführung einer Risikoausgleichsrücklage, die Absenkung der Agrardieselbesteuerung auf französisches Niveau, eine rasche Verbesserung aller Maßnahmen für einen wirksamen Pflanzenschutz, ein entschiedener Abbau der ausufernden Bürokratie, die rasche Ankurbelung der Absatzförderung für Agrarprodukte, eine Aufstockung der Bundesmittel zur landwirtschaftlichen Sozialversicherung sowie eine partnerschaftliche Umwelt- und Naturschutzpolitik mit Vorrang freiwilliger vertraglicher Regelungen gegenüber dem Ordnungsrecht.

An wirtschaftlichen Belangen ausrichten
Die Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN) forderte, die künftige Agrarpolitik konsequent an den wirtschaftlichen Belangen der Branche auszurichten. So sei es wichtig, dass die Bundesregierung ihre Anstrengungen zur Öffnung der Exportmärkte nicht nur fortsetze, sondern intensiviere. Bei einem Selbstversorgungsgrad bei Schweinefleisch von 110 % sowie Exportquoten der großen Schlachtunternehmen zwischen 35 % und 50 % lägen die Garanten des Wohlstandes und weiteren Wachstums nicht mehr nur in Deutschland und Europa, sondern auch in Russland oder Asien. Bei der Gentechnik erwarte man von der neuen Bundesregierung, dass sie sich diesem Thema „endlich wissenschaftlich und nicht nur weiter ideologisch annimmt“. Eine Absage erteilt die ISN einer strukturkonservierenden Agrarpolitik. Eine „lex bavaria“, die Landwirte „zu Tode“ fördere und schütze, sei „definitiv der falsche Weg“. Die Landwirte sähen ihre Zukunft nicht als „Park-Ranger oder Tourismus-Manager, die den Kurdirektoren nur noch die Almen oder Deiche pflegen“.

Widerstand gegen die Gentechnik angekündigt
Warnungen richteten Umwelt- und Tierschutzverbände an die künftige schwarz-gelbe Koalition. Nach Auffassung vom Bund Naturschutz (BN) Bayern stellt das Wahlergebnis keinen „Freifahrschein für die Agrogentechnik“ dar. BN-Vorsitzender Prof. Hubert W e i g e r rief die CSU auf, bei ihrer bisherigen restriktiven Haltung zu bleiben: „Wer Gentechnik sät, wird Widerstand ernten“, kündigte Weiger vorsorglich an. Der Präsident des Deutschen Tierschutzbundes, Wolfgang A p e l , mahnte die Festschreibung konkreter Tierschutzziele in der Koalitionsvereinbarung an. Bereits in den vergangenen Jahren habe Deutschland seine Vorreiterrolle in Europa mehrfach zu Lasten der Tiere aufgegeben, obwohl es genügend dringenden Handlungsbedarf gebe. Benötigt würden unter anderem bindende Vorgaben für eine tierschutzgerechte Haltung in landwirtschaftlichen Betrieben. AgE
(08.10.2009)

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