Berichte aus Washington setzen Agrarmärkte unter Druck
WASHINGTON/CHICAGO. Das US-Landwirtschaftsministerium hat die Getreide- und Ölsaatennotierungen an den internationalen Terminbörsen mit seinen jüngsten Schätzungen unter starken Druck gesetzt. Gemäß den aktuellen Zahlen der Washingtoner Fachleute dürfte im laufenden Wirtschaftsjahr 2009/10 der Überhang auf dem Welt-Weizenmarkt höher ausfallen als bislang erwartet, während das Angebotsdefizit bei Mais voraussichtlich niedriger sein wird. Beim Mais schlägt dabei die höhere Produktion in den Vereinigten Staaten zu Buche: Das US-Agrarressort veranschlagt die landeseigene Maisernte jetzt auf das Rekordniveau von 334,1 Mio t; das sind fast 6 Mio t mehr als bisher vorausgesagt und rund 27 Mio t mehr, als 2008 eingebracht wurden. Auch die Sojafarmer in den Vereinigten Staaten glänzten vergangenen Herbst mit hohen Ertragsleistungen: Mit insgesamt 91,5 Mio t wurde die Rekordmenge von 2006 noch stärker übertroffen als bislang gedacht; 2008 waren „nur“ 80,7 Mio t Sojabohnen in den USA eingebracht worden. An der Welt-Leitbörse in Chicago gab der vordere Kontrakt für Sojabohnen nach der Veröffentlichung der neuen Zahlen am Dienstag vergangener Woche um gut 3 % auf rund 9,7 $/bu (246 Euro/t) nach. Noch stärker bergab ging es mit den Terminnotierungen für Getreide: Mais zur Abrechnung im März verbilligte sich in Chicago um den maximal möglichen Betrag von 0,30 $/bu (8 Euro/t) oder mehr als 7 % auf etwa 3,93 $/bu (107 Euro/t); Weizen derselben Fälligkeit verlor gut 6 % an Wert und ging mit 5,36 $/bu (136 Euro/t) aus dem Handel. Auch die Terminmärkte in Europa reagierten mit Abschlägen. An der Matif in Paris verbilligte sich der März-Kontrakt für Mahlweizen um gut 4 Euro auf 129,5 Euro/t, während der Preis für Raps ab Februar um 5 Euro auf 281 Euro/t fiel.
Nur 22,5 Millionen Tonnen Weizen aus den USA?
Die Schätzung der Welt-Weizenproduktion 2009/10 hob das US-Agrarministerium gegenüber Dezember um 2,3 Mio t an, und zwar auf 676,1 Mio t. Danach wurde die Rekordernte 2008/09 nur um 6,6 Mio t oder 1 % verfehlt. Maßgeblich für die aktuelle Anpassung war die Entwicklung in Russland, wo das Aufkommen um gut 2 Mio t höher ausgefallen ist, als von den Experten in Washington bisher ausgewiesen. Tatsächlich aufgeschreckt zeigten sich die Händler an den Agrarbörsen aber von der deutlich schlechteren Beurteilung der Exportaussichten für die USA: Die Schätzung der US-Weizenausfuhren 2009/10 wurde um 1,5 Mio t auf 22,5 Mio t nach unten revidiert; das wäre das schlechteste Ergebnis seit 30 Jahren. In der Saison 2008/09 exportierten die Vereinigten Staaten noch 27,3 Mio t und in der Kampagne zuvor 34,3 Mio t Weizen. Der wieder festere Dollar macht den US-Exporteuren aktuell das Leben schwer; dazu belasten höhere Frachtkosten die Lieferungen in wichtige Importregionen wie den Mittleren Osten und Nordafrika. Russland ist dort kaum zu unterbieten. Dessen Weizenausfuhren im aktuellen Wirtschaftsjahr veranschlagen die Washingtoner Fachleute weiterhin auf 18,0 Mio t; das wären nur 400 000 t weniger als die im Vorjahr von Russland abgesetzte Rekordmenge. Auch Kanada dürfte das Exportergebnis von 2008/09 praktisch halten; erwartet wird vom US-Ministerium, dass der nördliche Nachbar 18,5 Mio t Weizen ausführt. Für die EU wird dagegen nach dem sehr guten Ergebnis in der vergangenen Saison weiterhin mit einem Rückgang des Weizenexports um 6,3 Mio t auf 19,0 Mio t gerechnet. Gemäß der Brüsseler Lizenzstatistik verkauften die Händler in der EU von Anfang Juli bis Mitte Dezember umgerechnet auf den Rohstoff 8,7 Mio t an Weizen und Mehl nach Drittstaaten; das waren rund 3,5 Mio t weniger als in der Vorjahresperiode.
Kleinste US-Winterweizenfläche seit 1913
Im Hinblick auf die globale Importnachfrage nach Weizen geht das US-Agrarressort nahezu unverändert zur bisherigen Prognose von einem Rückgang gegenüber 2008/09 um 18,7 Mio t auf 123,7 Mio t aus. Während die Importerwartung für die EU-27 um 500 000 t auf 6,5 Mio t zurückgenommen wurde, hoben die Washingtoner Experten die Einfuhrprognose für Ägypten um diesen Betrag auf 8,8 Mio t an. Demnach bleibt das Land am Nil mit Abstand größter Weizenimporteur vor Brasilien, der EU und Indonesien. Herabgesetzt hat das US-Ministerium seine Vorhersage des weltweiten Weizenverbrauchs, nämlich um 2,2 Mio t auf 644,5 Mio t, womit das Vorjahresniveau aber noch um 4,7 Mio t übertroffen würde. Unter dem Strich bleibt dennoch ein erheblich größerer Überhang zum Abschluss der Kampagne: Die Endbestände 2009/10 an Weizen werden jetzt um knapp 5 Mio t höher als im Vormonat geschätzt, und zwar auf 195,6 Mio t. Verglichen mit der Menge, die aus dem Rekorderntejahr 2008/09 in das laufende Wirtschaftsjahr übernommen worden war, würde dies ein Plus von fast 32 Mio t bedeuten. Da passt die amtliche Schätzung, dass die US-Farmer zur Ernte 2010 auf nur noch 15,0 Mio ha Winterweizen ausgesät haben; es wäre das kleinste Areal seit 1913. Im Vergleich zum Vorjahr beträgt das geschätzte Flächenminus 14 %. Neben den niedrigen Weizenpreisen machen Experten vor Ort die ungünstigen Witterungsbedingungen in den Anbaugebieten zum Zeitpunkt der Aussaat sowie die erheblichen Verzögerungen bei der Mais- und Sojabohnenernte für die Anbaueinschränkung verantwortlich.
Kräftige Zunahme des „Open Interest“ beim Mais
Die Schätzung für die weltweite Maiserzeugung korrigierte das US-Agrarressort entsprechend dem Plus bei der eigenen Ernte um gut 6 Mio t nach oben; das globale Aufkommen wird nun auf das Rekordniveau von 796,4 Mio t veranschlagt, was gegenüber 2008/09 eine Steigerung um etwa 5 Mio t bedeuten würde. Ihre Prognose zum globalen Maisverbrauch hoben die Experten in Washington ebenfalls an, jedoch nur um 3 Mio t auf 806,3 Mio t. Im Wirtschaftsjahr 2008/09 sind schätzungsweise insgesamt 775,3 t Mais verbraucht worden. Mit Blick auf den internationalen Maishandel rechnet das US-Agrarressort mit einer leichten Erholung auf 84,9 Mio t in dieser Saison, nachdem es in der vergangenen Kampagne zu einem Einbruch der Handelsmenge im Vergleich zum Rekordjahr 2007/08 um 15,3 Mio t auf knapp 83 Mio t kam. Die Maisexporte der USA, die sich von zuvor 60,7 Mio t auf 47,9 Mio t im Vermarktungsjahr 2008/09 verringerten, sollen in der aktuellen Kampagne 52,0 Mio t erreichen. Im Unterschied zum Weizen erfordert der voraussichtliche Gesamtbedarf an Mais einen Rückgriff auf die Bestände, die in der vergangenen Saison weltweit insgesamt um 16,4 Mio t auf fast 146 Mio t aufgestockt wurden. Für 2009/10 sagen die Experten jetzt einen Abbau der Lagermengen auf 136,2 Mio t voraus; bisher war mit einer Verringerung auf 132,3 Mio t gerechnet worden. In den USA sollen die Maisbestände sogar wieder wachsen, und zwar gemäß aktueller Prognose um 2,3 Mio t auf 44,8 Mio t. Neben der neuen Ernteschätzung drückte vor allem diese Vorhersage die Maisnotierungen. Dabei nahm die Zahl der offenen Kontrakte in Chicago am Berichtstag um fast 22 000 Stück zu; den Ökonomen zufolge spricht ein solch kräftiges Ansteigen des „Open Interest“ für eine Fortsetzung der jeweiligen Preisentwicklung, aktuell also für einen weiteren Rückgang der Maisterminpreise. AgE
Umrechnungskurs: 1 $ = 0,6888 Euro
(22.01.2010)
Diese Seite Drucken – Versenden – Bookmarken
© Copyright 2000 – 2010 raiffeisen.com GmbH & Co. KG












