Agrarexport muss mit sinkenden Zuschüssen auskommen
BERLIN. Die Ernährungsindustrie muss sich darauf einstellen, in den kommenden Jahren mit weniger staatlichen Mitteln für die Exportförderung auskommen zu müssen. Beim zweiten Außenwirtschaftstag der Branche in Berlin sprach Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner am vergangenen Donnerstag von degressiver Förderung. Daraus ergibt sich, dass die aufgrund des Zusammenbruchs der Centralen Marketing-Gesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft (CMA) auf 10,5 Mio Euro aufgestockten Exportfördermittel ihres Hauses künftig wieder sinken. Eingeplant ist eine Verstetigung des auf 4,5 Mio Euro veranschlagten Förderkuchens für Messebeteiligungen. Zu einem Abbau soll es hingegen bei den restlichen 6 Mio Euro kommen, und zwar bereits ab 2011. Gefordert ist daher künftig vor allem die German Export Association for Food and Agriproducts (GEFA), mehr Mittel für die Absatzförderung im Ausland einzuspielen. Als von verschiedenen Säulen wie Milch-, Süßwaren- und Fleischwirtschaft getragenes Dach war die GEFA mit Sitz in Berlin nach einigen Anlaufschwierigkeiten gestartet und hat die Konkurrenzinitiative, „Food - Made in Germany“ (FMiG) für die Exportaktivitäten mit unter ihren Fittichen. Mit dem schwachen Euro eröffnen sich für die deutsche Ernährungsindustrie in diesem Jahr besondere Ausfuhrchancen. Im ersten Quartal 2010 waren die deutschen Agrarexporte gegenüber dem entsprechenden Vorjahresniveau um 3,9 % auf 11,93 Mrd Euro gestiegen, während die Importe mit einem Wert von 14,14 Mrd Euro praktisch konstant blieben.
Aufruf zu engerer Kooperation
Wie Aigner betonte, konzentriert sich ihr Haus in der Exportfördererung auf die zahlreichen kleinen und mittleren Unternehmen der Branche. „Unser Verständnis von Außenwirtschaftspolitik ist, dass diese partnerschaftlich angelegt ist. Türen für die Wirtschaft zu öffnen und offen zu halten geht nur, wenn sich alle Partner dabei auf gleicher Augenhöhe befinden“, sagte die Ministerin. Der Vorsitzende der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE), Jürgen A b r a h a m , forderte Aigner auf, „sich langfristig für die Exportförderung der mittelständischen Ernährungsindustrie einzusetzen“. Dies sei gut investiertes Steuerzahlergeld, so Abraham auf dem Außenwirtschaftstag. Es gelte, die Ernährungsindustrie noch stärker mit den Trägern und Institutionen der Außenwirtschaftsförderung zu vernetzen. An die Branche richtete er den Appell zu engerer Kooperation im Auslandsvertrieb, um Risiken und Kosten besser schultern zu können. Der Außenwirtschaftstag hat sich laut Einschätzung des Schinkenfabrikanten aus dem Hamburger Umland bereits im zweiten Jahr seines Bestehens als Branchenplattform für die exportorientierte Ernährungsindustrie etabliert.
Ursprünglichkeit bewahren, mehr Charme versprühen?
Offen blieb beim Außenwirtschaftstag, ob es künftig eine Dachmarke für den deutschen Agrarexport geben wird, wie sie sich beispielsweise die Schweizer mit der „Swissness“ und dem weißen Kreuz auf rotem Grund zugelegt haben. Abraham warnte vor Kopien. „Wir müssen unserer Ursprünglichkeit und unsere Qualitätsauffassung treu bleiben, dann können wir unseren Export noch steigern“, meinte der BVE-Vorsitzende. Als „tollen Begriff“ bezeichnete er den Slogan „Food - Made in Germany“. Der Werbefachmann Günther N e s s e l ergänzte, Deutschland werde geschätzt für Qualität, müsse sich aber noch steigern. Der Marketingstratege ermunterte zu „ein bisschen mehr Charme“ und weniger Holzhackermentalität. Dr. Franz-Georg v o n B u s s e vom Landtechnikhersteller Lemken betonte in seiner Eigenschaft als GEFA-Sprecher die Brückenfunktion dieser Organisation, um den Schritt in Exportländer zu schaffen. Er regte an, über den FMiG-Slogan hinauszugehen und mehr Emotionen anzusprechen, wenn es um die Werbung für deutsche Lebensmittel im Ausland gehe. Der Parlamentarische Staatssekretär im Bundeslandwirtschaftsministerium, Dr. Gerd M ü l l e r , mahnte die Entwicklung einer Exportstrategie an, um die Wertschöpfung für veredelte Produkte zu erhöhen.
Ertragsprobleme auf dem Heimatmarkt
Mäßige Preise und Erträge im Inland machen es für die deutschen Unternehmen derzeit attraktiv, den Ausbau des internationalen Geschäfts voranzutreiben. Die Erschließung ausländischer Absatzmärkte sei ein strategisches „Muss“ für die Ernährungsindustrie, unterstrich die BVE. Nach ihren Berechnungen ist im ersten Halbjahr ein nomineller Branchenumsatz von insgesamt 72,9 Mrd Euro zu erwarten; das sind 0,2 % weniger als im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Der ruinöse Preiskampf im Lebensmitteleinzelhandel scheine kein Ende zu nehmen. In vielen mittelständischen Unternehmen sei die Ertragsdecke bereits dünn geworden; vielen fehle die Kraft zur Finanzierung von Innovationen und Investitionen. Die Exportquote sei mittlerweile auf mehr als 26 % gestiegen, nach 17 % vor zehn Jahren. Von Januar bis Juni 2010 geht die BVE von Exporten im Wert von 18,4 Mrd Euro aus, das sind 1,5 % mehr als im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Auf den europäischen Binnenmarkt entfallen mehr als 80 % des Auslandsumsatzes. In einem von der BVE in Auftrag gegebenen Branchenbarometer wurden zuletzt allerdings die Exporterwartungen für Märkte außerhalb der EU wie Russland, Japan und Australien als besonders günstig beurteilt.
Kritik an Liberalisierung
Die Entwicklungsorganisationen Oxfam und FIAN forderten anlässlich des zweiten Außenwirtschaftstages unterdessen „fairen Welthandel statt Exportförderung“. Die angekündigte „globale Verantwortung“ werde nicht übernommen. Stattdessen setze die Ernährungsindustrie drei Jahre nach dem Beginn einer Nahrungsmittelkrise mit Unterstützung der Politik noch stärker auf die Liberalisierung der Märkte und auf die Gentechnik, kritisierten Oxfam und FIAN. AgE
(22.06.2010)
Diese Seite Drucken – Versenden – Bookmarken
© Copyright 2000 – 2012 raiffeisen.com GmbH & Co. KG











