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Getreideernte kommt nur schleppend voran

BERLIN. Die Bedingungen für die Getreideernte in Deutschland bleiben schwierig. Nach teilweise ergiebigen Regenfällen ist der Drusch in weiten Teilen Deutschlands vergangene Woche ins Stocken geraten. Der Deutsche Bauernverband (DBV) sprach in seiner zweiten Erntemeldung am Mittwoch von einem schleppenden Verlauf der Ernte. Auch mehrten sich die Sorgen der Bauern, dass durch die nunmehr feuchte und schwüle Witterung die Gefahr von Qualitätseinbußen wachse. Diese Befürchtungen richten sich wegen der regenbedingten Ernteverzögerungen unter anderem auf den Winterweizen, der in den Hauptanbauregionen größtenteils noch nicht vom Halm ist. Im Bundesmittel rechnet der Bauernverband beim wichtigsten Brotgetreide momentan mit Mindererträgen von 10 % bis 15 % gegenüber 2009, als ein Flächenergebnis von 78,1 dt/ha erzielt worden war. Die in diesem Jahr vielerorts während der Kornfüllungsphase fehlenden Niederschläge haben offenbar zu vermehrten Schmachtkornanteilen und stark schwankenden Hektolitergewichten von 66 kg/hl bis 80 kg/hl geführt. Eine fundierte Schätzung von Erträgen und Qualitäten wagt der DBV allerdings noch nicht. Im vergangenen Jahr hatten Deutschlands Ackerbauern mit 49,47 Mio t Getreide, davon 25,18 Mio t Weizen, noch eine sehr große Ernte eingebracht. In einer ersten Schätzung Ende Juli hatte der DBV dieses Jahr nur noch eine Menge von 45 Mio t Getreide für realistisch gehalten.

Sehr gute Feuchtegehalte bei der Wintergerste
Anders als beim Weizen sieht es bei der Wintergerste aus, die weitgehend eingebracht ist. Eine Ausnahme bilden hier Schleswig-Holstein sowie die Spätdruschgebiete Baden-Württembergs und Niedersachsens. Die Erträge der Wintergerste liegen laut DBV-Einschätzung bundesweit 8 % unter dem Niveau des Vorjahres, mancherorts - so in Schleswig-Holstein, Teilen von Rheinland-Pfalz und in Thüringen - ist ein Ertragsrückgang von 15 % zu verzeichnen. Da die Wintergerstenernte vor Einsetzen der Niederschläge schon recht weit vorangeschritten war, sind die Feuchtegehalte sehr gut und liegen dem Bauernverband zufolge überwiegend bei 14 %, so dass eine Trocknung des Getreides vor der Einlagerung nicht notwendig war. Ebenfalls von deutlichen Ertragseinbußen geht der Bauernverband beim Roggen aus. In Brandenburg als wichtigster Anbauregion sollen momentan rund ein Drittel dieses Getreides vom Halm sein.

Stark schwankende Ölgehalte
Weit vorangeschritten war am vergangenen Mittwoch bundesweit hingegen die Rapsernte, und zwar vor allem im Rheinland, aber auch auf den leichten Böden Niedersachsens, in Westfalen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg. Dort wurden dem DBV zufolge bis dahin etwa drei Viertel der Flächen abgeerntet. In Mecklenburg-Vorpommern mit der bundesweit größten Ausdehnung des Rapsanbaus war dagegen lediglich gut ein Drittel der Rapsflächen gedroschen. Die bisherigen Ergebnisse lassen laut Bauernverband auf Ertragsminderungen von etwa 12 % bei stark schwankenden Ölgehalten von unter 40 % bis 44 % schließen. Im vergangenen Jahr hatten die Bauern eine Rekordernte von 6,3 Mio t Raps eingeholt. Dabei war ein durchschnittlicher Ertrag von 42,9 dt/ha erreicht worden.

Bangen um ausreichende Grundfutterversorgung
Gut getan haben die Niederschläge der vergangenen Woche hingegen dem Mais. Laut DBV-Einschätzung vom vergangenen Mittwoch hat der Regen allerdings nur leichte Entspannung gebracht. Der Bauernverband rechnet denn auch zur Ernte mit unterdurchschnittlichen Masseerträgen. Das Längenwachstum habe vielerorts nicht mehr aufgeholt werden können. Die Maisbestände hätten insbesondere auf den leichteren Standorten unter der extremen Trockenheit gelitten und seien im Massewachstum daher teils erheblich zurückgeblieben. Lediglich auf den schwereren Standorten mit besserer Wasserversorgung beziehungsweise bei einzelnen Gewitterschauern während der Hitzeperiode habe sich der Mais besser entwickelt. Dem Bauernverband zufolge bangen die Futterbaubetriebe um eine ausreichende Grundfutterversorgung, nachdem der erste Grasschnitt vielerorts nach dem nassen und kalten Frühjahr mengenmäßig und qualitativ wenig zufriedenstellte, und der zweite Schnitt unter der sich anschließenden Hitze litt. Die lang anhaltende Trockenheit erschwerte zudem einen neuen Aufwuchs. Die jüngsten Niederschläge entschärfen nun laut Bauernverband die Situation hinsichtlich der weiteren Grundfuttergewinnung.

Schwieriger Maisanbau
Trotz Regen ist seit Ende Juli die Lage im Kartoffelanbau angespannt. Bundesweit werden niedrige Erträge erwartet. Hinzu kommt, dass die Anbaufläche für Speise- und Veredlungskartoffeln um rund 3 % eingeschränkt wurde. In diesem Jahr ist laut Bauernverband eine scharfe Trennlinie zwischen beregneten und unberegneten Flächen zu ziehen. Während der Erntemeldung zufolge auf gut beregneten Flächen nur 10 % niedrigere Erträge zu verzeichnen sind, werden auf unberegneten Flächen teils Einbußen von 30 % bis 40 % erwartet. Für Niedersachsen berichtet der Bauernverband kurz vor Ende der Frühkartoffelsaison von Ertragseinbußen bis zu 15 % gegenüber dem Vorjahr. Bei den Speise- und Veredlungskartoffeln, deren Ernte bald beginne, zeigten erste Proberodungen große Unterschiede im Knollenansatz. Bei den Speisekartoffeln würden zwischen 15 % und 20 % weniger Ertrag erwartet, der Anteil vermarktungsfähiger Ware werde noch niedriger liegen, da die Knollen sehr kleinausfallend seien. Die Erzeuger hofften, dass die Veredlungsindustrie die Größenanforderungen nach unten korrigiere, betonte der DBV. Die Erzeugerpreise pendeln laut seinen Angaben um 30 Euro/100 kg und ermäßigen sich nur sehr langsam. Mit einer Ernteprognose hält sich der DBV noch zurück, rechnet aber mit einem ähnlich schwachen Jahr wie 2006. Damals waren rund 10 Mio t Kartoffeln gerodet worden.

Durchschnittliche Mengen im Gemüsebau
Besser sind die Aussichten hingegen offenbar für viele Obst- und Gemüseerzeuger. Sowohl beim Spargel wie auch bei den Erdbeeren fielen witterungsbedingt zwar die Erntemengen etwas geringer aus als im letzten Jahr, aber dafür waren die Qualitäten laut Bauernverband sehr gut und die Erzeugerpreise fest. Derzeit laufen die Kirschen- und die Pflaumenernte, während der Beginn der Apfelernte kurz bevorsteht. Beim Gemüse ist die Freilandsaison in vollem Gang, so bei Salaten, Kohl, Möhren, Kohlrabi und vielen anderen Kulturen. Gegenwärtig sieht es dem Bauernverband zufolge mengenmäßig nach einem normalen Jahr aus, bei insgesamt sehr guten Qualitäten.

Nicht völlig unzufrieden
Lageberichte über die Ernte in den einzelnen Bundesländern gaben in der vergangenen Woche die Landesbauernverbände von Hessen, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt ab. Wie der Präsident des Hessischen Bauernverbandes (HBV), Friedhelm Schneider , am vergangenen Donnerstag erklärte, begleiten aufgrund der Witterungsbedingungen „Bibbern und Stöhnen“ die diesjährige Vegetationsperiode. Dennoch sei er mit dem bisherigen Verlauf der Getreideernte in dem Bundesland „nicht völlig unzufrieden“. Die Wintergerste habe zwar vergleichsweise geringe Erträge, aber „ansprechende“ Qualitäten geliefert. Beim Raps, der etwa zur Hälfte gedroschen sei, lägen die bislang ermittelten Erntemengen pro Hektar zwischen 3 t und 4 t. Außerdem entwickelten sich die Preise positiv, unterstrich Schneider. Der Weizen habe auf den schweren und wasserreichen Böden die Trockenheit und Hitze einigermaßen gut überstanden. Auf den überwiegend leichteren Standorten hätten sich die Ertragserwartungen aber verschlechtert. Zudem sei der Eiweißgehalt nach den bisherigen Ergebnissen teilweise schwankend. Insgesamt werde die diesjährige Getreideernte das Vorjahresergebnis nicht erreichen. Gelitten haben nach Aussagen des Verbandschefs in diesem Jahr auch die Milchviehbetriebe. Trockenheitsbedingt fehlten vielen Höfen der zweite und teilweise auch der dritte Grünlandschnitt. Bereits jetzt müsse vielfach zugefüttert werden. Dadurch stiegen die Futterkosten, zumal der Anteil des in Biogasanlagen verwerteten Futtermaises stetig zunehme. Zu vorzeitigen Preisprognosen für die einzelnen Produkte wollte sich Schneider nicht äußern.

Vorräte schließen Bedarfslücken bei Braugerste
In Rheinland-Pfalz rechnen die Landwirte dem Bauern- und Winzerverband Rheinland-Nassau (BWV) zufolge in diesem Jahr mit einer durchschnittlichen Ernte. Während die Wintergerste mit guten Qualitäten und gegenüber dem Vorjahr etwa 10 % niedrigeren Erträgen aufwarte, hätten der Winterweizen, die Braugerste und der Raps stärker unter der Trockenheit gelitten, erläuterte BWV-Präsident Leo Blum am Donnerstag. Die gestiegenen Preise ließen aber darauf hoffen, dass die rückläufigen Erträge durch höhere Preise kompensiert würden. Außerdem müssten die insgesamt niedrigeren Ernteergebnisse vor dem Hintergrund des Spitzenjahres 2009 gesehen werden. Es sei schwierig, jede Saison Höchsterträge zu erzielen. Die Sommergerstenerträge liegen nach Mitteilung Blums in diesem Sommer etwa 10 % unter dem Vorjahresniveau. Der Vollgerstenanteil bleibe unter 90 %. Hinzu komme, dass die Anbaufläche in diesem Jahr um 7 000 ha auf landesweit 42 000 ha verringert worden sei. Somit müsse mit einem Rückgang der Gesamterntemenge bei der Braugerste gegenüber dem Vorjahr um bis zu 30 % gerechnet werden. Die damit prinzipiell eintretende Unterdeckung des Bedarfs sei vermutlich über die Vorräte aus der Saison 2009 auszugleichen. Der Winterweizen hat laut Blum stark unter der Trockenheit gelitten, so dass regional die Mindererträge von 10 % bis 35 % schwanken. Auch die Eiweißgehalte seien sehr unterschiedlich und lägen bei 10 % bis 14 %.

Bis zu ein Fünftel weniger Raps
Als erfreulicher bewertete der BWV-Präsident den Winterweizenpreis, der seinen Angaben zufolge zurzeit etwa 10 % über dem Vorjahresniveau liegt. Weil der Getreidepreis nur 0,7 Cent des Brötchenpreises ausmache, sei das aber entgegen dem Bestreben der Bäckereiwirtschaft kein Grund dafür, Backwaren zu verteuern. Die Rapspreise hatten nach Angaben Blums bereits seit Jahresanfang stetig angezogen. Auch am Saisonende setze sich dieser Trend nun fort. Aktuell koste eine Dezitonne Raps zwischen 31 Euro bis 34 Euro und damit etwa 10 Euro mehr als im Vorjahr. Was den Rapsertrag angehe, müsse in diesem Jahr mit einem Rückgang des Ernteergebnisses um etwa 15 % bis 20 % gegenüber 2009 gerechnet werden, berichtete Blum. Je nach Niederschlagsmenge könnten Erträge pro Hektar von 32 dt bis 45 dt erzielt werden. Die Qualitäten seien dabei akzeptabel und lägen im langjährigen Mittel. Der Ölgehalt betrage zwischen 40 % und 44 %. Bei Mais erwartet der Verband einen Minderertrag von etwa 30 %, wobei bessere Witterungsbedingungen in den kommenden Wochen das Ergebnis noch verbessern könnten. Große Probleme weise die Futterwirtschaft auf. Insgesamt bleibe die diesjährige Erntemenge auf den Grünlandflächen hinter den Erwartungen zurück.

Kein Grund für höhere Brotpreise
Wie der Landesbauernverband (LBV) Sachsen-Anhalt mitteilte, sind in dem Bundesland die Erträge und Qualitäten der bereits abgeschlossenen Wintergerstenernte „durchaus zufriedenstellend“. Auch der Raps habe die Sommerhitze besser vertragen als erwartet, berichtete der LBV am Donnerstag. Bei durchschnittlichen Erträgen seien hohe Ölgehalte zu verzeichnen. Dagegen litten die Ergebnisse der diesjährigen Weizen- und Roggenernte unter der auf vielen Standorten eingesetzten Notreife. Eine Missernte wird es aber aus Sicht von Verbandspräsident Frank Zedler nicht geben. Auch er bewertete die im Vergleich zum Vorjahr verbesserten Preise bei Getreide und Raps als erfreulich, sieht in dem Preisanstieg aber keinen Anlass für eine Verteuerung von Backwaren. Dafür sei der Kostenanteil des Getreides von weniger als 5 % an Brot und Brötchen viel zu gering.

Sorge bei Biogasanlagen-Betreibern
Nachteilig könnte sich der gestiegene Getreidepreis allerdings für viehhaltende Betriebe auswirken, stellte Zedler fest. Wenn die Preise für Kraftfutter aus Getreide stiegen, werde eine kostendeckende Produktion von Schweinen, Rindern und Milch nur schwer möglich sein. Außerdem bangten die Futterbaubetriebe um eine ausreichende Sicherung der Futterversorgung. Auf dem Grünland sei vielerorts nach dem ersten Aufwuchs nur wenig nachgewachsen. Ferner hätten Trockenheit und Hitze viele Maisbestände geschädigt. Die Landwirte mit Rinderhaltung versuchten deshalb, Reserven zu erschließen, erläuterte der Verbandspräsident. Auch die Landwirte, die Biomasse in Biogasanlagen verwerteten, sähen besorgt auf die schlecht entwickelten Bestände. Wo in den zurückliegenden Tagen Niederschläge gefallen seien, habe der Mais im Wachstum aber angezogen, und auch die Rübenbestände hätten zugelegt. AgE (10.08.2010)

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