Abschluss der Getreideernte verzögert sich
Regenfälle sorgten zumindest bis zum Donnertag der vergangenen Woche bundesweit immer wieder für Unterbrechungen und das Erliegen der Erntearbeiten - Meldungen der Landwirte aus allen Regionen des Bundesgebietes weisen auf deutlich niedrigere Erträge als 2009 - Berufsstand bekräftigt Forderung nach einer steuerfreien Risikoausgleichsrücklage
BONN. Die Getreideernte in Deutschland verzögert sich. Hatten die heimischen Landwirte angesichts der Trockenheit und Hitzewelle im Juni und Juli noch mit einem vergleichsweise frühen Abschluss der diesjährigen Druscharbeiten gerechnet, haben ihnen zuletzt anhaltende und starke Regenfälle einen Strich durch die Rechnung gemacht. So sah sich beispielsweise der Landesbauernverband Brandenburg (LBV) am vergangenen Mittwoch veranlasst, das ursprünglich für tags darauf angesetzte Erntepressegespräch auf den 27. August zu verschieben. Starker Regen habe ein Voranschreiten der Ernte verhindert; der Drusch der wichtigsten Getreidearten sei zum Erliegen gekommen und bisher erst nur zu rund 60 % abgeschlossen, erklärte der LBV. Auch aus allen anderen Regionen Deutschlands wurde über regenbedingte Verzögerungen der Mähdruscharbeiten berichtet. Während in normalen Jahren die Halmgetreideernte in der ersten Augustdekade weitgehend abgeschlossen ist, stehen in diesem Jahr noch viele, vor allem Weizenbestände auf den Feldern. Angesichts des Ernterückstands und vielfach übernässter Böden, die ein Befahren der Schläge nicht erlauben, wuchs zuletzt auch die Befürchtung, dass der Winterraps diesen Sommer nicht fristgerecht ausgesät werden kann. Für Hoffnung unter den Landwirten sorgten die Wettervorhersagen zum Wochenende, wonach die überwiegend sonnige und trockene Witterung vom Freitag auch am Samstag und weitgehend auch am Sonntag anhalten sollte. Ein erstes zusammenfassendes Fazit zur diesjährigen Getreide- und Rapsernte wird der Deutsche Bauernverband (DBV) an diesem Mittwoch ziehen. Ende Juli hatte er das diesjährige Getreideaufkommen noch auf rund 45 Mio t veranschlagt (AGRA-EUROPE 30/10, LÄNDERBERICHTE 10). Mittlerweile zeichnet sich ein niedrigeres Ergebnis ab. Im vergangenen Jahr hatten Deutschlands Ackerbauern mit 49,5 Mio t Getreide eine relativ umfangreiche Ernte einbringen können.
Ein Jahr zum Verzweifeln
In Bayern war bis zum vergangenen Donnerstag nach einer Umfrage des Bayerischen Bauernverbandes (BBV) nur die Ernte der Wintergerste nahezu abgeschlossen. Bei Sommergerste, Triticale und Roggen seien im Schnitt der Meldungen erst etwa 60 % bis 70 % der Bestände abgeerntet, berichtete der BBV. Bei Weizen und Hafer stehe noch mehr als die Hälfte auf den Feldern. BBV-Getreidepräsident Leonhard K e l l e r stellte fest, es sei dieses Jahr zum Verzweifeln. Nach einem zu trockenen April, einem nasskalten Mai und Hitze und Trockenheit von Mitte Juni bis Ende Juli drohe in vielen Gebieten Bayerns die Getreideernte durch die anhaltenden Regenfälle zum Desaster zu werden. „In vielen Regionen ist es schon Realität“, so Keller. Schon im Juli sei klar gewesen, dass die bayerischen Bauern infolge der Trockenheit mindestens 10 % bis 15 % weniger Getreide an Ertrag ernten würden. Dies habe sich durch die Umfrage mehr als bestätigt. Regional würden sogar Ertragsausfälle von bis zu 35 % gemeldet. Das feuchtwarme Wetter der letzten Wochen habe beim reifen Getreide für Auswuchs und schlechte Qualitäten gesorgt. So seien die Qualitätsparameter meist nur bei Partien zufriedenstellend, die bis Anfang August geerntet worden seien. Aktuell werde aus allen Regionen Auswuchs gemeldet, erklärte Keller. Die Folge seien niedrigere Fallzahlen bei Brotgetreide. Einige Mühlen in Bayern hätten angesichts der sich abzeichnenden Probleme mit den Fallzahlen aber bereits Kompromissbereitschaft signalisiert. Beim Marktgespräch der Landesvereinigung der Erzeugergemeinschaften Ende August werde man diesen Sachverhalt mit den Müllereivertretern weiter diskutieren.
Geduld und gute Nerven erforderlich
Auch der Präsident des Landesbauernverbandes in Baden-Württemberg (LBV) Joachim R u k w i e d , berichtete am Dienstag vergangener Woche beim Ernte-Pressegespräch des Verbandes, dass immer wieder auftretende Regenfälle die Erntebedingungen massiv erschwerten. Das erfordere vielerorts den Einsatz bis in die Morgenstunden, Geduld und gute Nerven. Deshalb seien dieses Jahr bislang erst etwa 70 % des Getreides im Land eingebracht. Besonders in Spätdruschgebieten stünden teilweise noch mehr als 60 % auf dem Halm. „Was wir jetzt gut gebrauchen können, wären ein paar schöne, trockene Sommertage, um die Ernte vollends einzufahren“, sagte Rukwied. Zu den bisherigen Ernteergebnissen erklärte der LBV-Präsident, dass die extreme Hitze und Trockenheit von Ende Juni bis Mitte Juli vor allem Weizen- und Sommergerstenbestände auf schwächeren Standorten zur Notreife gebracht hätten. Dieses Jahr seien die Ertragsunterschiede zwischen guten und schlechten Standorten besonders ausgeprägt. Auf besseren Böden seien durchaus zufriedenstellende Erträge erzielt worden. Vor allem spätabreifende Sorten hätten an Ertrag verloren. Aufgrund der ergiebigen Regenfälle in den vergangenen vier Wochen sei es öfter zu Auswuchs gekommen. Teilweise habe dieser durch Vorziehen des Weizendruschs vor der Rapsernte vermieden und so die Weizenqualität gesichert werden können. Dennoch seien nicht überall Qualitätseinbußen zu vermeiden gewesen. Die bisherigen Erträge über alle Getreidearten lagen nach Schätzung des LBV um durchschnittlich 10 % bis 15 % unter dem Niveau von 2009 beziehungsweise 5 % unter dem mehrjährigen Mittel.
Rund 800 000 Tonnen in Niedersachsen weniger
In Niedersachsen standen die weitaus meisten Weizenfelder zum Ende der zweiten Augustdekade noch „auf dem Halm“. Wie das Landvolk Niedersachsen am vergangenen Donnerstag berichtete, dürfte nur jeder dritte Schlag bislang geerntet worden sein. Mit der Qualität der eingebrachten Ernte seien die Landwirte bis auf die Hektolitergewichte noch zufrieden. Für den Löwenanteil der noch abzuerntenden Flächen bangten sie aber nun um die Qualität, so der Landesbauernverband. Der für das Wochenende prognostizierte Wetterumschwung müsse nun über einen Zeitraum von mindestens 14 Tagen anhalten, damit die Landwirte die Getreideernte zügig beenden könnten. Dem Landvolkverband zufolge wurden in Niedersachsen zur Ernte in diesem Jahr etwa 860 000 ha mit Getreide bestellt, wovon mit 440 000 ha etwa genau die Hälfte auf Winterweizen entfällt. In der Gesamtbilanz werde die Getreideernte aufgrund von Flächenverschiebungen und Mindererträgen nach ersten noch mit Unsicherheiten behafteten Kalkulationen voraussichtlich mit knapp 6 Mio t um 800 000 t unter dem Vorjahresergebnis liegen, so der Landvolkverband. Die größten Ertragseinbußen müssten die Landwirte auf den leichten und nicht unter Beregnung stehenden Böden im Westen des Landes hinnehmen; auf den ertragreichen Marsch- und Lössböden im Süden, aber auch im Nordwesten seien die Ausfälle dagegen durchweg geringer.
Letztlich enttäuschende Erträge in Westfalen-Lippe
Von einer Getreide- und Rapsernte mit letztlich für die Landwirte enttäuschenden Erträgen und regional sehr unterschiedlichen Qualitäten berichtete der Präsident des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftverbandes (WLV), Franz-Josef M ö l l e r s , am Dienstag voriger Woche nahe Münster. Die Trockenheit der Monate Juni und Juli habe bei Raps und Getreide insgesamt zu Einbußen in der Menge wie in der Qualität geführt. Das unbeständige Wetter der letzten Wochen habe zur Folge gehabt, dass das Getreide vielfach habe getrocknet werden müssen. Insgesamt sei die Ernte 2010 den noch im Frühjahr bestehenden hohen Erwartungen nicht gerecht geworden, stellte Möllers fest. Der WLV schätze den durchschnittlichen Ertrag bei den regional wichtigsten Getreidearten Winterweizen, Wintergerste und Triticale auf rund 70 dt/ha. Die Erntemenge liege damit voraussichtlich etwa 9 % unter dem Vorjahresniveau und entspreche dem Schnitt der vergangenen fünf Jahre. Die Erträge beim Winterraps lagen laut Möllers im Mittel bei 39 dt/ha, was im Vergleich zu 2009 ein Minus von etwa 7 % bedeutet. Der WLV-Präsident verwies darauf, dass die teils stark unterdurchschnittlichen Ernteergebnisse in der heimischen Region, die Ertragsausfälle in den Schwarzerdegebieten von der Ukraine bis Kasachstan, das Weizenexportverbot Russlands und die weltweite Spekulation die Getreidepreise hätten deutlich anziehen lassen. „Das freut unsere Ackerbauern, während sich unsere Tierhalter auf steigende Futterkosten einstellen müssen“, sagte Möllers. Mit Hinweis auf die erneut starken Preisausschläge auf den Getreidemärkten bekräftigte er die Forderung nach Einführung einer steuerlichen Risikoausgleichsrücklage für die heimische Landwirtschaft.
Ohne Wetterwende große Verluste
Der Landesbauernverband Sachsen-Anhalt (LBV) berichtete am Dienstag vergangener Woche, dass in dem Bundesland noch fast Zweidrittel des Winterweizens, das seien etwa 200 000 ha, auf dem Feld stünden. In einigen Regionen wie im Vorharz und im Südwesten seien bisher erst 10 % bis 20 % des Winterweizens gedroschen worden, in der Magdeburger Börde nur etwas mehr. In der Altmark stünden noch mehr als 50 % des Winterroggens; und auch der Weizen sei dort erst zur Hälfte geborgen. Selbst an Raps, der mit 170 000 ha die zweitwichtigste Druschfrucht in Sachsen-Anhalt und schon lange reif sei, müssten noch etwa 10 % eingebracht werden. Lediglich die Wintergerste habe zu Beginn der Getreideernte schnell und in guter Qualität geerntet werden können, stellte der Landesbauernverband fest. „Wenn nicht bald eine Wetterwende eintritt, werden wir große Verluste erleiden“, so LBV-Vizepräsident Eberhard S t a h r . Durch den ständigen Regen verschlechterten sich die Qualitäten bei Weizen und Roggen fast täglich. Auch seien die notwendigen Folgearbeiten ins Stocken geraten. Stroh zur Versorgung der Viehbestände müsse zuvor in trockenem Zustand geborgen werden, und die Flächen seien für die Aussaat vorzubereiten. Spätestens bis Ende August müsse die Rapssaat für die Ernte 2011 in den Boden, sonst seien Ertragseinbußen vorprogrammiert, erklärte Stahr.
Spezifische Erntesituation mit Handelspartnern besprechen
Der Thüringische Bauernverband (TPV) stellte nach einem Gespräch mit Vertretern des Getreidehandels unter Leitung von Verbandspräsident Dr. Klaus K l i e m am vergangenen Mittwoch fest, dass beide Seiten bestrebt seien, sich in enger Abstimmung der schwierigen Situation zu stellen. Zunächst gehe es darum, der Ernte der Druschfrüchte besserer Qualitäten den Vorrang zu geben und diese zu separieren. Dazu sollten die Bestände vorher beurteilt werden. Alle eigenen Möglichkeiten zur Trocknung und Kühlung des Erntegutes, auch überbetriebliche und kooperative Kapazitäten, sollten genutzt werden. Den Landwirten werde dringend empfohlen, ihre spezifische Erntesituation mit ihren langjährigen Handelspartnern zu besprechen, so der TBV. Nur wenn die Ernte mit den Aufnahmemöglichkeiten des Handels und der Nutzung vorhandener Trocknungskapazitäten synchronisiert werde, lasse sich der zu erwartende Erntestau bewältigen und Qualitäten sichern. Was die Qualität angehe, solle zum Beispiel eine Fallzahl von 220 Sekunden für Weizen nicht mehr als generelles Dogma gelten, erklärte der TBV. Problematisch sei die Situation aber bei bestehenden Vorverträgen und deren Qualitätsparametern. Hier würden die Handelspartner wenig Spielraum sehen, die Verträge aufgrund der negativen Witterungseinflüsse aufzulösen, da diese Getreidemengen oft schon weiterverkauft worden seien, zum Beispiel an Mühlen. Eine Nichterfüllung der Verträge könnte für den Handel zu Sanktionen führen. Aber auch hier seien die Handelspartner bereit, im Gespräch mit den Betrieben nach einer einvernehmlichen Lösung zu suchen. Angesichts der Sorge, dass für die Herbstaussaat aufgrund der Nässeprobleme nicht ausreichend Saatgut vorhanden sein könnte, appellierte der TBV an die Saatgutwirtschaft, rechtzeitig Anpassungen vorzunehmen, um den Bedarf an zertifiziertem Saatgut fristgerecht erfüllen zu können. AgE (26.08.2010)
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