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Experten sehen Russland als möglichen Nettoimporteur von Getreide

Regierung in Moskau soll für 2010/11 Einfuhren von insgesamt 5 Mio t planen - Sorge über steigende Nahrungsmittelpreise - Die Verteuerung wird auf Spekulationen zurückgeführt - Medwedew fordert zu kontinuierlicher Preisüberwachung auf - Putin unterstützt zentrale Getreidebörse - Interventionsverkäufe doch nicht vor Oktober - Verwirrung um Exportprognose Kasachstans

MOSKAU/ASTANA. Russland läuft nach Einschätzung heimischer Experten in diesem Wirtschaftsjahr Gefahr, aufgrund bedeutender Ernteverluste zu einem Nettoimporteur von Getreide zu werden. Wie die Moskauer Wirtschaftszeitung „Vedomosti“ in der vergangenen Woche weiter berichtete, will die Regierung laut offiziell nicht bestätigten Plänen bis kommenden Sommer insgesamt 5 Mio t Getreide nach Russland einführen. Kasachstan wäre bereit, Getreide nach Russland zu exportieren. Bislang seien jedoch von Moskau keine diesbezüglichen Wünsche geäußert worden. Medienangaben zufolge hält die Russische Getreideunion Importe von 2,0 Mio t bis 2,5 Mio t für möglich. Ihr Präsident Arkadij S l o t s c h e w s k i j erinnerte in diesem Zusammenhang daran, dass Russland in den zurückliegenden Jahren zwar umfangreich exportiert, aber auch durchschnittlich rund 1,5 Mio t Getreide importiert habe. Während das Moskauer Landwirtschaftsministerium für die laufende Saison nach wie vor eine Getreideernte von 60 Mio t bis 67 Mio t erwartet, hat das nationale Consulting- und Forschungszentrum für Agrarökonomie (Sovecon) seine Prognose inzwischen auf 59,5 Mio t bis 63,5 Mio t gesenkt. Staatspräsident Dmitrij M e d w e d e w forderte die Regierung als Reaktion auf die bisherigen deutlichen Preissteigerungen am heimischen Getreide- und Nahrungsmittelmarkt dazu auf, die Preise von Mehl, Brot, Fleisch und Milch kontinuierlich zu überwachen und bei festgestellten Verstößen gegen die betreffenden Gesetze schnell einzugreifen.

Herauszögern von Verkäufen
Ministerpräsident Wladimir P u t i n unterstützte den Vorschlag des Leiters vom Föderalen Antimonopoldienst (FAS), Igor A r t e m j e w , eine zentrale Getreidebörse ins Leben zu rufen. Neben Kontrollen sei Börsenhandel ein effizientes Mittel, gegen Preissteigerungen vorzugehen, die durch zahlreiche Zwischenhändler ausgelöst würden. Zur Verteuerung von Getreide trügen aber auch Produzenten in den südlichen, von der Dürre weniger oder gar nicht betroffenen Regionen bei, betonte Artemjew. In Erwartung einer baldigen Aufhebung des Getreide-Exportstopps sowie von Preiserhöhungen am europäischen Markt zögerten diese Anbieter ihre Verkäufe heraus. Der erste stellvertretende Ministerpräsident Viktor S u b k o w betonte, für Preissteigerungen gebe es keine wirtschaftlichen Gründe. Vielmehr seien Spekulationen von Marktteilnehmern, die die Folgen der Dürre und die komplizierte Situation am Getreidemarkt ausnutzten wollten, der Grund für die aktuellen Preisentwicklungen. Sollten sich die Getreidepreise am Binnenmarkt nicht stabilisieren, beschleunige die Regierung den Verkauf von Interventionsbeständen, unterstrich Subkow. Als Verlierer erwiesen sich dabei diejenigen, die Verkäufe der Ernte auf angeblich bessere Zeiten verschöben.

Doppelter Druck auf Moskau
Sovecon stellte fest, dass sich die Position des Landwirtschaftsministeriums in Bezug auf einen Verkauf von Getreide aus dem nationalen Interventionsfonds mit steigendem Maßstab der Ernteausfälle geändert habe. Während das Ressort zunächst für einen schnellstmöglichen Anlauf des Markteingriffs als Hilfe für die von der Trockenheit geschädigten Regionen plädiert habe, vertrete es mittlerweile die Auffassung, Verkäufe erst im Oktober oder November einzuleiten. Dann habe man einen Überblick über das landesweite Ernteergebnis und die Herbstaussaat. In dieser Frage steht Moskau Sovecon zufolge unter doppeltem Druck. Provinzen mit schlechter Ernte und großen Tierbeständen forderten einen möglichst baldigen Anfang der Verkäufe. Die südlichen Provinzen, die gute Erträge eingefahren hätten, verlangten dagegen spätere Veräußerungen erst im Herbst, um die Binnenpreise aktuell nicht zu gefährden. Gleichzeitig werde vor allem im Süden der Absatz der Ernte hinausgezögert.

Keine Senkung der Ausfuhrmengen
Für Verwirrung hat unterdessen die Aussage des kasachischen Landwirtschaftsministers Achylbek K u r i s c h b a j e w gesorgt, sein Land wolle in diesem Wirtschaftsjahr lediglich 6 Mio t Getreide exportieren. Das wären etwa 2 Mio t weniger als bislang vorgesehen. Kurischbajew nannte weder Russland noch den Iran als eventuelle Exportziele. Ungefähr 4 Mio t Getreide sollten in die mittelasiatischen Republiken und Afghanistan sowie 2 Mio t in die transkaukasischen Länder ausgeführt werden. Inzwischen stellte das kasachische Landwirtschaftsministerium Medienberichten zufolge aber klar, die frühere Exportprognose von 8 Mio t bleibe unverändert. AgE (27.08.2010)

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