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Bauernverband zieht magere Erntebilanz

BERLIN. Der Deutsche Bauernverband (DBV) hat seine ohnehin vorsichtige erste Ernteschätzung deutlich nach unten korrigiert. Hatte der DBV Ende Juli noch eine Getreideernte von 45 Mio t in diesem Jahr für realistisch gehalten, geht man im Berliner Verbändehaus auf Grundlage der Meldungen aus den Landesbauernverbänden inzwischen von einer Erntemenge von nur mehr als 43,9 Mio t aus. Damit würde das Vorjahresergebnis um fast 12 % unterschritten. Bei Winterweizen veranschlagt der DBV den Rückgang gegenüber der vorherigen Ernte auf 9 %. Die Erntemenge dürfte sich in diesem Jahr auf 22,7 Mio t belaufen. Auch im Mehrjahresvergleich fällt die diesjährige Getreideernte unterdurchschnittlich aus. Hinzu kommen laut Bauernverband zum Teil erhebliche Qualitätsverluste infolge des witterungsbedingten zeitlichen Verzugs bei den Erntearbeiten. Der Vorsitzende vom DBV-Fachausschuss für Getreide, Dr. Klaus K l i e m , sprach am vergangenen Mittwoch gegenüber Journalisten in Berlin von einer mageren Bilanz, schloss aber Versorgungsengpässe etwa bei Qualitätsweizen weitgehend aus. Kliem wies zugleich darauf hin, dass sich die Getreidepreise spürbar nach oben entwickelten. So werde Brotweizen derzeit im Schnitt zu 181 Euro/t gehandelt, nachdem der Preis im März dieses Jahres noch bei 107 Euro/t gelegen habe. Ähnlich sei der Trend bei Raps, der gegenwärtig mit knapp 355 Euro/t notiert werde.

Höhere Erntekosten
Der Präsident des Thüringer Bauernverbandes (TBV) wies darauf hin, dass die erschwerten Erntebedingungen dieses Jahres sowie die vielfach erforderliche Trocknung die Erntekosten deutlich hätten ansteigen lassen. Zudem profitierten die Landwirte nicht vollständig von den Preissteigerungen, da ein Teil der Getreide- und Rapsernte bereits über Vorkontrakte gebunden sei und damit zu niedrigeren Preisen vermarktet werde. Unter dem Strich gleiche die positive Marktentwicklung bei den meisten Betrieben die Mindererträge nur zum Teil aus, so Kliem.

Erhöhung der Nahrungsmittelpreise nicht gerechtfertigt
Der DBV-Fachausschussvorsitzende betonte, dass aus seiner Sicht die aktuelle Entwicklung auf den Agrarmärkten eine Erhöhung der Nahrungsmittelpreise nicht rechtfertige. Er erinnerte daran, dass sich der Absturz der Getreidepreise im letzten Jahr unbemerkt von den Verbrauchern vollzogen habe. „Warum sollten dies bei der umgekehrten Entwicklung plötzlich anders sein“, fragte Kliem. Dies ändere allerdings nichts daran, dass sich die Verbraucher generell auf größere Preisschwankungen bei Nahrungsmitteln und langfristig auf höhere Preise einstellen müssten. Kliem: „Mit den Dauertiefstpreisen ist es jetzt vorbei.“ Gleichzeitig seien jedoch Befürchtungen völlig unbegründet, Lebensmittel würden künftig für Teile der Bevölkerung unbezahlbar. Nach wie vor lägen die Ausgaben für Nahrungsmittel in Deutschland unter denen in anderen EU-Ländern.

Spekulation eindämmen
Für geboten hält Kliem Maßnahmen zur Eindämmung der Spekulation an den internationalen Agrarmärkten. Seiner Ansicht nach sollte es bei allen Spekulationsgeschäften mit Agrarprodukten internationale Eigenkapitalanforderungen geben. Der DBV-Vertreter machte darauf aufmerksam, dass bei Warentermingeschäften eine Eigenkapitalhinterlegung bereits seit langem üblich sei. Beide Vertragsparteien müssten Sicherheitsleistungen in Höhe von 5 % bis 20 % des Warenwerts hinterlegen. „Eine solche Regelung brauchen wir auch bei allen Optionsgeschäften, die auf die Warentermingeschäfte aufsetzen“, forderte Kliem. Seiner Auffassung zufolge bieten Eigenkapitalanforderungen die Gewähr, „dass sich auch die Spekulanten wie ordentliche Kaufleute verhalten.“

Risikovorsorge unerlässlich
Die diesjährige Erntesituation unterstreicht laut Kliem die gestiegenen Anforderungen, die volatile Agrarmärkte an die Erzeuger stellen. So seien die Landwirte mehr denn je gezwungen, aktive Marktbeobachtung und Risikovorsorge zu betreiben. Beispielsweise könnten Vermarktungsrisiken bei zunehmend volatilen Märkten mit Vorkontrakten deutlich verringert werden. Allerdings zeige die gegenwärtige Situation, dass auch dies nicht ohne Risiko sei, da Landwirte mit Vorkontrakten nicht von den hohen Preisen zur Ernte hätten profitieren können. Darüber hinaus seien die vertraglich vereinbarten Qualitäten derzeit teilweise gar nicht am Markt vorhanden. Diese aktuellen Probleme wertet der DBV-Fachausschussvorsitzende als Beleg für die Notwendigkeit für die Einführung einer steuerlichen Risikoausgleichsrücklage in der Bilanz der Betriebe. Kliem: „Wir müssen die Möglichkeit bekommen, in guten Jahren steuerfrei Mittel zurückzulegen, um sie in schlechten Jahren einzusetzen.“

Große Bandbreite bei der Gerste
Laut DBV-Bilanz beläuft sich die Erntemenge der Wintergerste in diesem Jahr auf 8,6 Mio t. Sie bleibt damit knapp 15 % hinter dem Vorjahresergebnis zurück. Die Ursachen sieht der Verband in einer Reduzierung der Anbaufläche um knapp 9 % sowie einem Ertragsrückgang auf durchschnittlich 65 dt/ha. Mit einer Spanne von 53 dt/ha bis 81 dt/ha weisen die Hektarerträge jedoch eine große Bandbreite auf. Dies gilt auch für das Korngewicht: Hier reichen die DBV-Daten von weniger als 60 kg/hl bis zu 70 kg/hl. Die Erzeugerpreise liegen bei 13 Euro bis 16 Euro/dt. Eine erheblich kleinere Anbaufläche in Verbindung mit einem Ertragsrückgang um gut 12 % hat auch bei der Sommergerste die Erntemenge abermals schrumpfen lassen. Mit 1,7 Mio t wurde das Vorjahresergebnis von 2,2 Mio t deutlich unterschritten. Geringe Vollgerstenanteile sowie eine verhältnismäßig starke Streuung der Proteingehalte führen zu teilweise deutlichen Qualitätsabstrichen. Demgegenüber tendieren auch bei der Sommergerste die Preise nach oben. Derzeit werden um Bundesschnitt nach DBV-Angaben 15 Euro und 18 Euro/dt gezahlt.

Anstieg der Rapspreise
Beim Winterweizen rechnet der Bauernverband mit einem Ertragsrückgang gegenüber 2009 um gut 11 %. Qualitativ wird der Weizen in diesem Jahr durch einen hohen Anteil von Schmachtkorn beeinträchtigt. Ernteverzögerungen führten zu Auswuchs und Qualitätseinbußen. Dies zeigt sich an sinkenden Fallzahlen. Teilweise liegen die Fallzahlen nur noch im Bereich von 100 bis 150 Sekunden, regional sogar unter 100 Sekunden. Die Erzeugerpreise bewegen sich laut DBV derzeit im Bereich von 15 Euro bis 20 Euro/dt. Noch gravierender als beim Weizen fallen die Ertragseinbußen beim Roggen aus. Hier rechnet der DBV mit einem Minus von 19,5 %. Da zugleich auch die Anbaufläche um gut 12 % eingeschränkt wurde, liegt das diesjährige Ernteergebnis mit 3 Mio t erheblich unter dem Vorjahreswert von 4,2 Mio t. Die Qualitäten gelten aufgrund der schlechten Erntebedingungen ebenfalls als nicht zufriedenstellend. Auch beim Winterraps wird 2010 nicht das Vorjahresergebnis erreicht. Der DBV beziffert die Erntemenge auf 5,6 Mio t. Das entspricht einem Rückgang der Erntemenge um knapp 10 % im Vergleich zum Vorjahr. Den Hektarertrag gibt der Verband mit 38 dt an, bei Ölgehalten von 40 % bis 44 %. Die Rapspreise sind inzwischen auf 32 Euro/dt bis 37 Euro/dt geklettert .

Maisbestände haben sich erholt
Während die Niederschläge der letzten Wochen die Getreide- und Rapsernte zum Teil massiv beeinträchtigten, haben sich die Maisbestände laut DBV-Einschätzung vielerorts noch erholt. Dennoch erwartet der Verband, dass der Biomasseertrag nicht das Niveau der vorhergehenden Jahre erreichen wird. Bei Frühkartoffeln blieb die Erntemenge 15 % bis 20 % hinter dem Durchschnitt der Vorjahre zurück. Ferner konnten die geforderten Sortiergrößen oft nicht eingehalten werden. Gleichzeitig lagen jedoch die Erzeugerpreise zuletzt mit 40 Euro/dt weit über dem Niveau des Vorjahres. Für die Haupternte geht der DBV derzeit von Einbußen zwischen 10 % und 20 % gegenüber 2009 aus, als 11,6 Mio t geerntet wurden. Auch die Obsternte ist 2010 von geringeren Mengen und gestiegenen Preisen gekennzeichnet. Als Ursache für die kleinere Apfelernte nennt der Bauernverband neben den ungünstigen Witterungsbedingungen im Frühjahr Hagelschäden. Mit einer sich abzeichnenden Apfelernte von rund 890 000 t würde das Vorjahresergebnis um 17 % verfehlt .

Weniger Kirschen
Niedrigere Erträge als 2009 wird es laut DBV-Schätzung auch bei Kirschen geben. Die Süßkirschenernte wird auf knapp 30 000 t, die Sauerkirschenernte auf rund 21 000 t veranschlagt. Bei Sauerkirschen wurden kostendeckende Preise erzielt. Problematisch verlief die diesjährige Erdbeerernte. Sie startete aufgrund der kühlen Witterung mit Verzögerung. Der Rückstand konnte anschließend nicht mehr aufgeholt werden. Das Vorjahresergebnis von rund 150 000 t wird dem Bauernverband zufolge um etwa 10 000 t verfehlt. Ein gleichmäßiger Saisonverlauf hat jedoch zu einer guten Marktverteilung und einer ausgeglichenen Versorgungslage über die Saison geführt. Auch bei Gemüse begann die Ernte 2010 bei fast allen Kulturen später als im langjährigen Durchschnitt und führte zu einem verzögerten Erntebeginn. Die Spargelernte erreichte rund 90 000 t und blieb damit etwa 10 % unter dem Vorjahresergebnis. Die Erzeugerpreise lagen hingegen deutlich über dem Niveau von 2009. AgE (31.08.2010)

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