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Zukunft der Tierhaltung steht auf dem Spiel

Landwirtschaftsminister Remmel spricht auf dem Soester Agrarforum.

Um zukunftsfähig zu bleiben, muss sich die deutsche Veredlungswirtschaft in den kommenden Jahren einer Reihe von Herausforderungen stellen - etwa einer Kommunikationsoffensive, umfassenden Veränderungen in der Tierernährung und einer technischen Revolution. Das wurde auf dem „Soester Agrarforum 2012“ deutlich, das der Fachbereich Agrarwirtschaft der Fachhochschule Südwestfalen am vergangenen Freitag in Soest unter der Überschrift „Zurück zum Sonntagsbraten - Zukunft der tierischen Veredelung?“ veranstaltete. Nordrhein-Westfalens Landwirtschaftsminister Johannes Remmel betonte, Landwirtschaft und ländlicher Raum im Industrieland Nordrhein-Westfalen müssten zukunftsfähig gehalten und beide Positionen im global ausgerichteten Wettbewerb gesichert werden. Weitere dringende Herausforderungen seien der Klimaschutz, der Hunger und die Unterernährung von derzeit rund 1 Milliarde Menschen sowie die Ressourcenfrage und der weltweite Rückgang der Artenvielfalt. Als entscheidend für die Zukunft der Tierhaltung wertete der Ressortchef die Akzeptanz der Verbraucher. Folglich seien Emissionen, Tierschutz, Gülle- und Mistanfall, der Medikamenteneinsatz und Futtermittelimporte zentrale Handlungsfelder. Insbesondere dem Antibiotika-Einsatz in der Tierhaltung werde das Land NRW entschieden entgegentreten.

Initiative auf dem Weg
Wie Remmel unterstrich, soll die Antibiotikaverwendung in Nordrhein-Westfalen kurzfristig um die Hälfte sinken und eine neue Datenbank zum Medikamenteneinsatz für Transparenz und Vertrauen sorgen. Antibiotika-Einsätze sollten die Ausnahme, nicht die Regel werden. Haltungsverfahren, die das nicht ermöglichten, seien abzulehnen, stellte der Minister fest. Weitere Lösungsansätze für aktuelle Fragen der Tierhaltung lägen bei der Privilegierung im Außenbereich. Diese solle bäuerlichen Familienbetrieben, nicht aber industrieller gewerblicher Produktion zugute kommen. Hierzu seien Obergrenzen zu diskutieren und den Kommunen mehr Regelungskompetenzen einzuräumen, betonte der Minister. Zum Bundesemissionsgesetz sei aktuell eine Initiative auf dem Weg, die zum Einsatz moderner, emissionsarmer Technik verpflichte. Beim Düngerecht gelte es, sich klar an den bestehenden Vorgaben zu orientieren und eventuell Anpassungen bei Sperrfristen vorzunehmen.

Das richtige Fett erzeugen
Prof. Helmut H e s e k e r von der Universität Paderborn hob hervor, die moderne Ernährung aus energiereichen und hochverdaulichen Lebensmitteln sei nicht auf den überwiegend bewegungsarmen Lebensstil der breiten Bevölkerung abgestimmt. Die moderne „adipogene“ beziehungsweise dick machende Umwelt erfordere Lebensmittel mit geringer Energiedichte, aber hohen Gehalten an Nährstoffen wie Vitaminen und Mineralien. Das bedeute nicht notwendigerweise einen Verzicht auf Fett oder Fleisch, unterstrich Heseker. Vielmehr komme es auf die Fettqualität an. Wichtig sei ein möglichst hoher Anteil an mehrfach ungesättigten Fettsäuren. Auch sei weißes Fleisch wie Geflügel und Fisch einem hohen Verzehr von rotem Fleisch vorzuziehen, da dieser das Darmkrebsrisiko erhöhe. Die moderne Tierhaltung solle sich auch künftig auf die Zucht und Produktion fettarmer Rassen konzentrieren und der ernährungsphysiologischen Qualität des Fettes und dem Geschmack stärkere Beachtung schenken, erklärte Heseker. Fleisch sei künftig differenziert nach Verwendungen zu produzieren, nämlich entweder Ware für frisches Fleisch und Wurst oder für lang haltbare Tiefkühlprodukte mit einem verbesserten Oxidationsschutz. Verarbeiter sollten auf schmackhafte, fettärmere Produkte setzen, geeignete hochwertige Öle beim Garen von Fleischerzeugnissen verwenden und Produkte mit Transfettsäuren vermeiden.

Fakten für Medien uninteressant
Nach den Worten des wissenschaftlichen Leiters des Europäischen Instituts für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften e.V. (EU.LE), Udo P o l l m e r , wird die moderne Agrar- und Fleischwirtschaft mit gezielten Kampagnen in den Medien bekämpft. Belegbare Fakten und quantitative Zusammenhänge würden dabei unter den Tisch gekehrt. Als Beispiel nannte Pollmer den sogenannten Dioxinskandal. Dieser sei ein „Arbeitssieg der Medien über die Vernunft“ gewesen. So habe die Tatsache, dass Eier aus ökologischer Produktion die gleichen Dioxingehalte aufgewiesen hätten wie Eier aus Stallanlagen, bei den Medien niemanden interessiert. Wenig Beachtung habe auch die Tatsache gefunden, dass die festgestellten Gehalte um Potenzen unter toxischen Dosierungen gelegen hätten.

Fleischverzicht gehört zum „guten Ton“
Als Nutznießer der Propaganda gegen moderne Tierhaltungsverfahren identifizierte Pollmer in erster Linie Tierschützer und Vegetarier sowie ihnen nahestehende Verbände, die sich dank vermehrter öffentlicher Aufmerksamkeit und über Spenden finanzierten. Schon gehöre in Kindergärten und Schulen im Rahmen sogenannter Gesundheitserziehung die Ablehnung von Fleisch zum guten Ton. Die Ächtung des Verzehrs tierischer Lebensmittel in der Öffentlichkeit sei eine reale Gefahr, erklärte Pollmer. Die Bilder der modernen Tierhaltung würden derzeit von ihren Kritikern bestimmt. Um ihre Existenz zu sichern, müsse die Landwirtschaft sich endlich wehren und eine Kommunikationsoffensive starten. Sie solle dabei Argumente aus ihrer Kernkompetenz der ökologischen Biochemie, Humor und neue Medien wie YouTube nutzen.

Tierernährung im Rohstoffwettbewerb
Die deutsche Tierhaltung steht laut Prof. Mechthild F r e i t a g vom Fachbereich Agrarwirtschaft der Fachhochschule Südwestfalen in Soest durch stark wachsende Tierbestände in Asien und die zunehmende Nutzung von Ackerflächen für nachwachsende Rohstoffe in harter Konkurrenz. Lösungsansätze böten unter anderem der Einsatz von synthetischen Aminosäuren, synthetischen Enzymen und phytogenen Zusatzstoffen. Die Rohstoffbasis könne durch Nebenprodukte der Bioenergiegewinnung, reaktivierte Nährstoffkreisläufe und bisher ungenutzte Quellen wie beispielsweise blattreiche Leguminosen für Monogastrier erweitert werden, berichtete Freitag. Der Stärkeaufschluss bei der Schweinefütterung, pansenbeständige Nährstoffe bei Wiederkäuern und eine abgestimmte Futterkonfektionierung hätten zusätzliches Optimierungspotential.

Intensive Verfahren sind klimafreundlicher
Freitag erläuterte, für die Stabilisierung der Gesundheit in intensiv geführten Beständen einschließlich einer Rückführung des Antibiotika-Einsatzes stünden mit verbesserter Wasser- und Futterhygiene sowie mit funktionellen Futtermittelzusatzstoffen wie Probiotika, phytogenen Zusätzen oder organischen Säuren geeignete Instrumente bereit. Schließlich seien auch die klimaschädlichen Stickstoff-Emissionen der Tierbestände zu senken. Sowohl bei der Schweinemast als auch in der Milchviehhaltung bestehe ein Einsparpotential von 19 % Rohprotein, das mit verschiedenen Fütterungsmaßnahmen zu erschließen sei, so Freitag. Eine Umorientierung der Tierhaltung auf extensive Verfahren mit niedrigeren Leistungen sei keine sinnvolle Alternative. Intensive Verfahren seien sowohl hinsichtlich des Energieaufwandes pro erzeugter Produkteinheit als auch in Bezug auf die Stickstoff-Emission pro Kilogramm erzeugtes, essbares Protein extensiven Produktionen deutlich überlegen.

Quantensprung steht bevor
Prof. Ernst K a l m von der Christian-Albrechts-Universität Kiel betonte, der modernen Tierzüchtung stehe durch die Nutzung der genomischen Selektion und die Verfügbarkeit von Hochdurchsatz-Typisierungstechnologien eine technische Revolution bevor. Diese neuen Züchtungstechniken seien in der Milchrinderzucht bereits etabliert; in der Geflügel- und Schweinezucht habe die Einführung begonnen. Züchtung sei die effizienteste und nachhaltigste Strategie der Leistungs- und Effizienzsteigerung als zentrale Herausforderung der globalen Ernährungssituation. Zuchtfortschritt trage gut zur Hälfte zur Leistungsentwicklung bei. Daneben gelte es, die Herausforderungen einer nachhaltigen Intensivierung unter den Bedingungen des Klimawandels anzunehmen, stellte Kalm fest. Innovative Selektionsstrategien auf eine effektivere Futterkonvertierung und die Reduzierung der ruminalen Methanbildung stünden in den Anfängen. Es habe aber gezeigt werden können, dass bei gleicher Leistung tierbezogene Methanemissionen um bis zu 100 % individuell variierten, berichtete Kalm. Selektion könnte folglich einen wichtigen Beitrag leisten. Beim Milchrind sei künftig nicht die Zucht auf hohe Einzelleistungen, sondern eine sogenannte balancierte Selektion das Ziel, nämlich eine stabile, gesunde Hochleistungskuh. Das erfordere zusätzlich ein systematisches Gesundheitsmonitoring mit vielen Beteiligten, einschließlich der praktischen Veterinärmedizin. (18.01.2012)

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