Ursachen von Totgeburten bei Kühen auf der Spur
(BFL). Lemmer-Fullwood-Wochentipp für Praktiker:
Kälberverluste bis 24 Stunden nach der Geburt werden durch verschiedene Faktoren, wie die Körperkondition der Muttertiere, die Lage des Beckens, das Geschlecht des Kalbes oder die Art und Intensität der Geburtshilfe maßgeblich beeinflusst.
In einer Dissertation von Kirsten Essmeyer an der Tierärztlichen Hochschule Hannover den möglichen Ursachen für Totgeburten in einem sächsischen Milchviehbetrieb mit rund 1500 Kühen auf den Grund gegangen. 463 Muttertiere wurden kontinuierlich, über 24 Stunden, vom Zeitpunkt ihrer Einstallung in den Abkalbebereich, bis zum Ende des Geburtsvorganges beobachtet. Bei der Einstallung wurden die allgemeinen Daten, wie das Datum der Einstallung, die Ohrmarke, die Laktationsnummer, das Alter, sowie der Tag der letzten Besamung des Tieres in einem Protokoll festgehalten. Darüber hinaus wurden Body Condition Score (BCS), die Beckenneigung und die Kreuzbeinhöhe bestimmt sowie das Becken von außen vermessen. Weiterhin wurden post partum die inneren Beckenmaße bestimmt. Bei ersten Anzeichen von Unruhe, Vulvaausfluss oder Bauchpressentätigkeit wurde jede Handlung des Tieres und der Geburtshelfer dokumentiert. Die Zeiten vom Sichtbarwerden und Springen der Fruchtblase, wie auch die Dauer der Aufweitungs- und Austreibungsphase wurden ebenfalls festgehalten. Die Geburt wurde nach vorhandenen Geburtsschwierigkeiten in fünf Kategorien klassifiziert und Lage, Stellung und Haltung des Kalbes ermittelt. Im Anschluss an die Geburt wurde das Kalb hinsichtlich Lebensfrische, Reife und Missbildungen untersucht und die Scheitelbreite, sowie die Fesselgelenkshöhe und –breite gemessen. Auch das Geschlecht und das Gewicht wurden dokumentiert. Tot zur Welt gekommene Kälber und solche, die innerhalb von 24 Stunden gestorben sind, wurden als Totgeburten gewertet und zur pathologisch-anatomischen und - histologischen Untersuchung dem Institiut für Veterinär-Pathologie der Veterinärmedizinischen Fakultät Leipzig zugeführt. Virologische, bakteriologische und mykologische Untersuchungen wurden durch die Landesuntersuchungsanstalt für das Gesundheits- und Veterinärwesen Sachsen (LUA) durchgeführt.
Ergebnisse: Insgesamt wurden 9,29 % aller Geburten als Totgeburten klassifiziert. Die Häufigkeit totgeborener Kälber war bei Färsen signifikant höher als bei Kühen. Die Färsen hatten auch einen deutlich höheren Body Condition Score (BCS) als die Kühe. Der BCS korrelierte wiederum negativ mit der inneren Beckenweite. Es war weiterhin eine Tendenz zu erkennen, dass es bei Tieren mit einem BCS ≥3,75 im Gegensatz zu Tieren mit einem BCS zwischen 3,25 und 3,75 vermehrt zu Totgeburten kam.
Die Dauer der Aufweitungsphase beeinflusste den Ausgang der Geburt maßgeblich. Tiere mit totgeborenen Kälbern hatten eine statistisch signifikant längere Aufweitungsphase als Tiere mit lebend geborenen Kälbern. Die Aufweitungsphase war darüber hinaus bei den Färsen länger als bei den Kühen. Auch die inneren Beckenmaße und die Fettauflagerung im Becken beeinflussten das Geburtsgeschehen. So dauerte die Aufweitungsphase signifikant länger, je enger sich die Beckenweite war. Ein stärkere Verfettung des Geburtsweges zog eine länger dauernde Geburt nach sich. Die Neigung des Beckens hatte ebenfalls einen Einfluss auf die Totgeburtenhäufigkeit. Tiere mit einem abfallenden Becken hatten statistisch signifikant weniger Totgeburten als Tiere mit einem waagerechten Becken.
Die Aufweitungsphasen bei Geburten von lebenden Kälbern dauerten nie länger als 2 Stunden. Daher ist es in der Regel empfehlenswert, nicht vor 2 Stunden nach dem Sprung der ersten Fruchtblase in den Geburtsvorgang einzugreifen Die Zeitempfehlung von 2 Stunden kann bei Geburtsvorgängen mit Kälbern in Hinterendlage gegebenenfalls noch unterschritten werden. Gerade bei Färsen kam es zu signifikant mehr Totgeburten in dieser Geburtslage als in der Vorderendlage. Die Bauchpressentätigkeit des Muttertiers hat einen entscheidenden Einfluss auf den Ausgang der Geburt, da sie die Dauer der Aufweitungsphase mitbestimmt. Die Geburt dauerte umso länger, je schlechter das Muttertier gepresst hat. Bei Geburtsvorgängen, die innerhalb einer Schicht stattfanden, kam es zu statistisch signifikant weniger Totgeburten als bei solchen, die zeitlich über eine Schicht hinausgingen und somit der Geburtshelfer während des Geburtsvorganges wechselte. Die Vermutung lag nahe, dass dies durch eine unzureichende Informationsweitergabe über laufende Geburtsvorgänge entstanden ist. Der negative Effekt des Schichtwechsels wurde besonders deutlich, wenn die Geburtsüberwachung der Melkschicht übertragen wurde, also einer Gruppe, die eine andere Aufgabe im Betrieb hat.
Spontan geborene Kälber wiesen die geringste Totgeburtenrate auf (2,3 %) und waren nach der Geburt auch deutlich vitaler. Bereits eine Geburtshilfe mit leichtem Auszug verdoppelte die Verlustrate auf 4,8 %, bei mittlelschwerem Auszug stieg diese sogar auf 7,4 %. Extrem hoch wurde der Anteil an Totgeburten dann, wenn eine schwere Auszugshilfe (28,4 %) bzw. sogar ein Kaiserschnitt (41,2 %) erforderlich waren. Ziel sollte es daher sein, möglichst viele Kälber ohne Geburtshilfe auf die Welt zu bringen. Hierzu benötigen die abkalbenden Tiere eine ruhige, stressfreie Umgebung mit Sichtkontakt zur Herde. Erst wenn die Geburt nach längerer vergeblicher Wehentätigkeit nicht fortschreitet, sollte mit dosierter Zughilfe eingegriffen werden.
Der Wochentip als PDF-Dokument zum Drucken oder Herunterladen unter www.lemmer-fullwood.info
(04.07.2008)
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